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Ein 3D-Strategiespiel für alle gängigen Plattformen hat sich der wechselvollen Geschichte der Gestaltungsausbildung am Trierer Paulusplatz angenommen. Dieser interaktive Kommentar steht kostenfrei unter www.ewige-unruhe.de für Desktop-Rechner (Windows, Mac, Linux) als auch Smartphones und Tablets (Android und iOS) zum kostenfreien Download bereit. Das Spiel umfasst 11 Level mit 40-60 Minuten Spielzeit.

Seit über 100 Jahren hat die Ausbildung in angewandter Kunst und Design den traditionsreichen Ort am Paulusplatz in „Ewige Unruhe“ versetzt. Dabei hat sie immer wieder neue Gestaltungsspielräume eröffnet und sich in jüngerer Zeit zunehmend auch der digitalen Medien bedient. Es ist deshalb kein Zufall, wenn sich diese „Ewige Unruhe“ als Motiv und das tragende Motto des großen Jubiläumsfests am 25. Oktober ursprünglich dem gleichnamigen 3D-Computerspiel verdankt, das eigens für diesen Anlass entwickelt wurde.

Im Mittelpunkt des Spiels stehen die sozialen Netzwerke, die diesen historischen Ort geprägt haben. Deren Aufbau und Pflege ist die Aufgabe des Spielers, der dabei einige Konfliktlinien und Kooperationskonstellationen kennenlernt, die den Paulusplatz bis in die Gegenwart als einen Ort (und manchmal auch „Herd“) “ewiger Unruhe” charakterisieren.

DAS THEMA

Jeglicher Verweis auf ein 100jähriges Bestehen weckt zunächst Assoziationen, dass hier eine etablierte Institution von sich reden macht, die möglicherweise eher von Stillstand statt Dynamik, Starrheit statt Flexibilität, Tradition statt Innovation gekennzeichnet ist.

Dass nun ausgerechnet ein Computerspiel als Format gewählt wird, um einen Kommentar zur Geschichte abzugeben, verdeutlicht bereits exemplarisch, dass sich die Gestaltung am Paulusplatz durchaus traditionsbewusst, aber stets auf der Höhe der Zeit als Labor der Möglichkeiten definiert, in dem modernste Formen entworfen und gestaltet werden.

Das medial avancierten Format des Spiels „Die Ewige Unruhe“ thematisiert darüber hinaus bereits in seinem Titel, dass angewandte Kunst und Gestaltung sich jeher in einem fortwährenden internen Entwicklungs-, wie externen Anerkennungsprozess befinden.

Für ihre Hommage an Kreation und Innovation am Paulusplatz beziehen sich die Macher des Spiels mit ihrem Titel auf ein Zitat des Architekten und Grenzgängers Gustav Hassenpflug. Bereits 1956 attestierte er die den Kunstschulen eigene „Ewige Unruhe“ nicht als Schwäche sondern als „Zeichen der Aktivität des wirklichen Lebens“. Weiter: „Eine Kunstschule ohne Probleme, ohne Kämpfe, ohne Auseinandersetzungen, ist keine Kunstschule, sondern bestenfalls ein Institut, das höchstenfalls die Kunst von gestern in konservierter Form […] weitergibt.“

In Anlehnung an diese Perspektive ist ein Spiel entstanden, das nicht nur intelligent gespielt werden kann, sondern zugleich auch ein medienkünstlerisches Statement ist, das auf der medialen Höhe der Zeit Design in seinen gesellschaftlichen Kontext setzt.

DAS INNOVATIVE MEDIENFORMAT

Die abstrakte Formsprache ist lose an Visualisierungen aus der Analyse sozialer Netzwerke angelehnt, in der Personen und ihre Verbindungen durch abstrakte Formen symbolisiert werden. Die so entstehenden dreidimensionalen Geometrien haben also eine tiefere Bedeutung: Sie bilden verschiedenste Kooperationskonstellationen ab, die die Entwicklung der Handwerker- und Kunstgewerbe- und späteren Werkkunstschule am Paulusplatz im Laufe ihrer Geschichte vorangebracht hat.

Über einem bewusst schlank gehaltenen Spielregelsystem entfaltet die Ewige Unruhe ganz unterschiedliche, immer spannende Herausforderungen, die markante Stationen aus der Historie aufgreifen. Mit kurzen textlichen Kontextinformationen und seiner interaktiven, prozeduralen Rhetorik und gelingt es dem Spiel, in eigener Art und Weise Eindrücke über konkrete historische Situationen zu vermitteln, die anschließende Gegenwartsinterpretationen prägen dürften.

Seinen Spaß generiert das Spiel nicht nur aus der Wettkampfsituation widerstreitender Interessen. Starke genießerische Qualität eröffnet die Exploration des dreidimensionalen Raums und die im Spielverlauf notwendige Kreation abstrakter, geometrischer Formen. Die Abstraktion der Formensprache dient als offen gehaltene Projektionsfläche für die subjektive, fantasiereiche Vorstellung über die historischen Ereignisse.

Die Interaktion mit Objekten in 2D ist heute über etablierte Kontrollschemata von Webseiten und Anwendungen weitgehend konventionalisiert und im Alltag etabliert. Für die Manipulation von 3D-Visualisierungen musste für das Spiel jedoch ein eigenes Interaktionsdesign entwickelt werden, das Zugänglichkeit gewährleistet, jedoch aufgrund des ungewöhnlichen Gegenstands notwendigerweise auch experimentellen Charakter besitzt. Zudem musste es über Multitouch-Interfaces von Smartphones und Tablets als auch via Maussteuerung funktionieren.

DER KONTEXT

Wer sich der Dynamik dieses Spiels aussetzt, erhält einen ersten Eindruck von der bewegten Geschichte, die sich am Paulusplatz ereignet hat und bekommt Lust darauf, sich vertiefter mit der Arbeit des heutigen Fachbereichs Gestaltung zu befassen. Eine hervorragende Gelegenheit hierzu bietet die Jubiläumsveranstaltung am 25.10.2013: „Ewige Unruhe – 100 Jahre Paulusplatz und mehr!“ hat sich das Thema des Spiels als das zentrale Leitmotiv des Tages zu Eigen gemacht.

Aber auch medienästhetisch wirkt dieses Spiel in vielfältiger Weise nach und bringt sein erhebliches Transferpotenzial zur Geltung: Plakate und Flyer wurden aus seiner grafischen Struktur abgeleitet, die spielerische Vernetzung von Aktionen und Akteuren wird zum Vorbild für die Performance der Abendveranstaltung „Unruhe ist Programm …“ (19 bis 21 h) und schließlich werden sich auch in „Binary Patina“, einer Großbildprojektion auf der Gebäudefassade vom Paulusplatz 4 (ab 21h, realisiert von JeongHo Park zusammen mit den Sound-Künstlern Flextronic und Myom) audiovisuelle Anklänge aus „Ewiger Unruhe“ wieder finden.

Dass sich die Geschichte des Paulusplatzes heute erschließen und – spielerisch – sogar weiterdenken lässt, verdankt sich nicht zuletzt auch dem Stadtmuseum Trier und insbesondere Bärbel Schulte, der Herausgeberin der Chronik „Zur Formveredlung und Geschmackserziehung – Die Werkkunstschule Trier“. Ohne die in diesem Band versammelte Chronistenarbeit wäre die historische Erdung des Spiels nicht möglich gewesen.